Sprechen wir die gleiche Sprache?

Sprechen wir die gleiche Sprache?

Im Alten Testament lesen wir, wie es war, als die Menschen nur eine Sprache hatten.

Die Bibel erzählt: Es gab einmal eine Zeit, in der alle Welt nur eine Sprache hatte und dieselben Laute. Nomaden waren es, die mit ihren Zelten von Osten aufbrachen. Sie kamen in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.
Sie sagten zueinander: ‚Auf! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!‘
Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. Sie sagten: ‚Auf! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.‘
Da kam der Herr vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Als er alles gesehen hatte, sagte er: ‚Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles tun, was ihnen in den Sinn kommt.‘
Und dann sagte er: ‚Auf! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!‘
So zerstreute der Herr sie über die ganz Erde, und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen.
Darum heißt diese Stadt Babel, denn dort hat der Herr die Sprache der Menschen verwirrt und von dort aus die Menschheit über die ganze Erde zerstreut.
Gen 11,1-9

Der Turm stand in Babylon, im heutigen Irak am Fluss Euphrat. Er hatte einen Grundriss von 90 x 90 m und war ca. 90 m hoch.

Die Menschen strebten schon damals danach bis in den Himmel zu bauen. Streben wir heute nicht nach dem Gleichen, berühmt zu werden, unmögliches möglich zu machen?

Hat Gott damals die Sprache der Menschen verwirrt oder haben die Menschen selbst ihre Sprache verändert?

Prof. Dr. Martin Haspelmath vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig skizziert in seinem Referat ‚Sprachen der Welt‘, dass es heute ca. 6500 – 7000 Sprachen gibt. Etwa die Hälfte der Erdbevölkerung sprechen eine der 10 meistgesprochenen Sprachen (Mandarin-Chinesisch – Englisch – Spanisch – Hindi – Arabisch – Portugiesisch – Bengali – Russisch – Japanisch – Deutsch).

Schätzungen zufolge gab es 10000 v.Chr. ca. 20.000 Sprachen, 1000 n. Chr. ca. 9000 Sprachen, und bis im Jahr 2200 vielleicht nur noch 100 verschiedene Sprachen.

Unsere Sprache ist in ständigem Wandel. Sie verändert sich zusehends und unentwegt. Während der Zeit der Corona/COVID-19-Pandemie gab es eine enorme Zunahme an Englischen Ausdrücken in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Die Bedeutungen der Wörter werden von uns nicht hinterfragt, bzw. denken wir nicht darüber nach, wie das deutsche Wort dazu lauten würde. Wie selbstverständlich nehmen wir Wörter aus einer fremden Kultur in unseren Sprachgebrauch?

Social distancing – Soziale Distanzierung
Lockdown – Ausgangssperre
Home-Office – Heimbüro
Home-Schooling – Heimunterricht
Contact-Tracing – Kontaktverfolgung

Wie wir miteinander sprechen, beeinflusst vielleicht auch unser Denken, gerade in Zeiten der Pandemie. Wenn wir uns sozial distanzieren, anstatt nur den Körperkontakt zu vermeiden, dann wird das weiterreichende Auswirkungen auf unser Verhalten, als nur die Vermeidung von Körperkontakten, haben. Wenn unsere Bewegungen über das Handy registriert werden, leben wir dann wirklich in ‚Bewegungsfreiheit‘? Und ganz ehrlich ‚Lockdown‘ – klingt schon rein auf der Lautebene sehr weich. Ausgangssperre – erinnert an Krieg.

Wir gehen auf das Pfingstfest zu, das Fest des Heiligen Geistes, das Fest des gegenseitigen Verstehens. Werden wir uns besser verstehen, wenn wir alle die gleiche Sprache sprechen?

Wenn uns Gott unterschiedliche Sprachen gegeben hat, hat er uns auch unterschiedliche Kulturen zugedacht. Das bedeutet, wir sollen uns anstrengen/bemühen einander zu verstehen.

Renate Baldauf

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